Wenn der OP-Saal zur Tagesklinik wird

Brunsbüttels Klinik verliert ab 2028 die stationäre Chirurgie – und bekommt ein neues Profil. Was das für den Ort und die Menschen bedeutet.

Es klingt erst einmal nach Verlust. Wer genauer hinschaut, sieht aber einen Umbau, der lange geplant ist: Die Brunsbütteler Klinik der Westküstenkliniken soll ab 2028 keine kleine Klinik im alten Sinn mehr sein, sondern eine sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung. Ein Haus, in dem stationäre und ambulante Behandlung nicht mehr getrennt nebeneinander laufen, sondern zusammengehören.

Was genau passiert – und was das für die Menschen hier bedeutet – haben wir einmal für euch zusammengefasst.

Wie es der Klinik gerade geht

Nicht gut, und damit steht sie nicht allein. Wie fast allen deutschen Krankenhäusern machen auch den Westküstenkliniken die Kosten zu schaffen. Seit etwa zwei Jahren steigen sie um bis zu acht oder neun Prozent im Jahr. Die Einnahmen wachsen aber nur um drei bis vier Prozent. Dieses Jahr läuft es auf einen Verlust von geschätzt sieben bis acht Millionen Euro hinaus, letztes Jahr waren es 6,3 Millionen.

Der Kreis Dithmarschen trägt diese Verluste bisher mit – weil er ein kommunales Krankenhaus mit guter Versorgungsstruktur als wertvoll ansieht. Aber, und das sagt die Geschäftsführung selbst: Auf Dauer geht das nicht.

Das im Juli beschlossene Beitragsstabilisierungsgesetz macht die Lage eher schwieriger. Nach Einschätzung von Wirtschaftsprüfungsgesellschaften könnten dadurch mindestens sechs Millionen Euro zusätzlicher Verlust entstehen. Gespart werden muss also weiter. Die einfachen Dinge – Fortbildungsbudgets kürzen, beim Einkauf den Preis drücken – sind längst gemacht. Jetzt geht es an Stellen, und an die Frage, wo man mit weniger Leuten dieselbe Arbeit schafft.

Im ganzen Konzern mit allen Tochtergesellschaften arbeiten gut 3.100 Menschen, auf Vollzeitstellen gerechnet etwa 2.000.

Warum Brunsbüttel das nicht kalt erwischt

Für Brunsbüttel kommt der Umbau nicht überraschend. Der Standort wird schon seit 2014 mitgedacht und Schritt für Schritt umgebaut – früh wurde er zu einem Haus für die Grund- und Regelversorgung. Das hat Geld gespart und gleichzeitig eine Versorgung geschaffen, die zur Region passt. Das Defizit am Standort ist dadurch heute deutlich kleiner, als man bei dieser Größe erwarten würde.

Neu ist jetzt nur der Begriff: süV, sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung. Wichtig ist dabei die Zeit. Der Begriff wird gesetzlich erst zum 1. Januar 2027 gültig, und es gibt eine einjährige Übergangsfrist. Das Haus muss also nicht sofort umschalten, sondern darf planen. Die Vorgaben des Gesetzes aber wird es erfüllen müssen.

Was ab 2028 wegfällt

Der einschneidendste Punkt: Ab 2028 gibt es in Brunsbüttel keine stationäre Chirurgie mehr.

Das betrifft die Hüft- und Knieoperationen. Die laufen in Brunsbüttel sehr erfolgreich, mit engem Zusammenspiel zwischen Praxis und Operation im Haus. Künftig werden sie in Heide gebündelt, wohin dann auch das Brunsbütteler Team wechselt. Auch die allgemeinchirurgischen stationären Leistungen fallen weg.

Und auch bei den Betten tut sich etwas: Statt 100 bleiben ab 2028 noch 50.

Was Brunsbüttel dafür bekommt

Der Standort wird nicht einfach kleiner, er bekommt eine andere Aufgabe. Aus den chirurgischen Betten wird ein Aufwachbereich, aus dem Haus ein ambulantes Operationszentrum, das durchaus Gewicht hat.

Hier sollen künftig alle Eingriffe gebündelt werden, nach denen man am selben Abend oder spätestens am nächsten Morgen wieder zu Hause sein kann. Das reicht inzwischen bis zur Gallenblasenentfernung – vor allem aber geht es um viele kleinere Eingriffe:

  • Krampfadern und andere Eingriffe an den Venen
  • Hämorrhoiden und ähnliche proktologische Eingriffe
  • Handoperationen, in denen das Haus schon jetzt sehr gut ist
  • kleinere Brüche und Metallentfernungen
  • plastische Eingriffe, zum Beispiel wenn nach einer Abnehm-Operation eine Hautfalte entfernt werden muss

Die drei vorhandenen OP-Säle sollen über ein neues System gut ausgelastet werden. Und das Wichtigste: Was bleibt, ist die Innere Medizin und die Geriatrie. Beides wird gebraucht, gerade weil die Gesellschaft älter wird. Auch die geriatrische Tagesklinik – Betreuung tagsüber, abends wieder nach Hause – soll weiter wachsen.

So entsteht ein neues Profil: Innere Medizin und Geriatrie stationär, dazu ein ambulantes chirurgisches Zentrum, verbunden mit den Praxen im Haus – den eigenen, denen der Stadt Brunsbüttel und anderen niedergelassenen Ärzten.

Die offene Frage: der Notdienst am Wochenende

Einen Punkt kann die Klinik nicht selbst entscheiden: die Notfallversorgung am Wochenende.

Sie hängt davon ab, wie die Gesetzgebung weitergeht. Die Novellierung zur Notfallversorgung ist schon der dritte Anlauf. Nach aktuellem Stand sollen integrierte Notfallzentren mit 24-Stunden-Versorgung entstehen – aber nur an den großen Klinikstandorten. In dieser Region wären das Heide und Itzehoe, Brunsbüttel wäre nicht dabei.

Denkbar ist, dass die Kassenärztliche Vereinigung hier eine Anlaufpraxis weiterbetreibt. Entscheiden würde das aber die KV, nicht die Klinik. Unabhängig davon baut das Haus seine MVZ-Strukturen in der Chirurgie weiter aus – damit soll zumindest tagsüber der einfache chirurgische Notfall versorgt werden können und der Rettungsdienst in dieser Zeit weiter anfahren.

Was der Kreistag und die Stadt dazu sagen

Kreistag Dithmarschen und die Stadt Brunsbüttel haben sich mit Resolutionen gegen diese Entwicklung gestellt. Ist der Standort trotzdem sicher? Die Geschäftsführung sagt Ja. Das Land Schleswig-Holstein als Planungsbehörde und die Krankenkassen haben schriftlich bestätigt, dass das kommende Jahr noch in der bisherigen Form weiterlaufen darf – damit der Umbau Schritt für Schritt gestaltet werden kann.

Denn eines lässt sich nicht von heute auf morgen klären: wer künftig wo arbeitet. Wer in Brunsbüttel bleiben kann, wer das Angebot bekommt, nach Heide zu wechseln – darüber muss in Ruhe gesprochen werden.

Was das für Sie als Patientin oder Patient bedeutet

Der Umbau betrifft nicht nur die Klinik. Er betrifft jeden, der hier wohnt oder Angehörige in der Region hat. Das Wichtigste in Kürze:

Hüft- und Knieoperationen wandern nach Heide. Wer darauf wartet, wird künftig nach Heide gehen – dorthin wechselt auch das eingespielte Team. Die Qualität bleibt, aber der Weg wird weiter. Für ältere Menschen und ihre Angehörigen ist das ein echter Punkt.

Viele Operationen bleiben vor Ort. Krampfadern, Hämorrhoiden, Hand-Operationen – das gibt es weiterhin in Brunsbüttel, künftig ambulant, ohne Übernachtung.

Die Innere Medizin bleibt. Wer wegen einer internistischen Erkrankung ins Krankenhaus muss, wird in Brunsbüttel weiter versorgt. Das ist die beruhigendste Nachricht.

Die Geriatrie wird zur Stärke. Die Geriatrie ist für eine alternde Region besonders wichtig. Brunsbüttel setzt genau darauf – stationär und in der Tagesklinik, in der Betreuung und Rückkehr nach Hause zusammengehören. Für Familien, die sich um einen älteren Angehörigen kümmern, ist das ein Lichtblick.

Der Notdienst am Wochenende bleibt die offene Flanke. Wer nachts oder am Wochenende einen chirurgischen Notfall hat, muss damit rechnen, dass Brunsbüttel nicht in jedem Fall die erste Adresse ist. Wie es genau kommt, hängt von der Entscheidung der KV ab – hier lohnt es sich, aufmerksam zu bleiben. Und hier können die Resolutionen von Kreistag und Stadt am meisten bewirken.

Unterm Strich: Brunsbüttel verliert das kleine Krankenhaus von früher – und bekommt ein Haus, das sich auf das konzentriert, was die Region in den nächsten Jahren am dringendsten braucht: Innere Medizin, Geriatrie und ambulante Chirurgie. Es ist kein Kahlschlag, aber eine deutliche Verschiebung. Manches bleibt, manches zieht um – und einiges wird besser, weil es künftig gebündelt statt vereinzelt läuft.

Dieser Beitrag beruht auf einem Gespräch mit Dr. Martin Blümke, medizinischer Geschäftsführer der Westküstenkliniken Brunsbüttel und Heide gGmbH. Alle Zahlen und Zeitangaben stammen aus diesem Gespräch.