Die Zuckerfabrik St. Michaelisdonn: Als der „Donn" süß wurde
Wer heute durch Sankt Michaelisdonn geht, ahnt wenig davon, dass hier einmal Dampf und Sirupgeruch über dem Ort hingen. Dabei stand im Zentrum der Gemeinde über hundertfünfzehn Jahre lang einer der wichtigsten Industriebetriebe Süderdithmarschens: die Zuckerfabrik St. Michaelisdonn — offiziell Zuckerfabrik Süderdithmarschen AG. Sie war nicht nur Großarbeitgeber für Generationen von „Donner" Familien, sondern der Knotenpunkt, an dem ländliche Wirtschaft, Eisenbahn und technischer Fortschritt zusammenkamen.

Eine Fabrik aus dem Katalog
Die Geschichte beginnt am 27. März 1880, als die Zuckerfabrik St. Michaelisdonn gegründet wurde. Schon ein Jahr später, 1881, standen die Fabrikgebäude — errichtet von der Braunschweigischen Maschinen-Bauanstalt (BMA), die nicht nur die Maschinen lieferte, sondern den kompletten Betrieb schlüsselfertig plante. Das war im 19. Jahrhundert ein gängiges Modell: BMA baute Zuckerfabriken quasi aus dem Katalog. Das Startkapital betrug 432.400 Mark — für die damalige Zeit eine beträchtliche Summe.
Zehn Jahre später, 1891, wurde die Anlage durch den Ingenieur A. Wernicke bereits umgebaut und erweitert. Der Dithmarscher Rübenanbau lief offenbar so gut, dass die Kapazität bald nicht mehr ausreichte. 1922 lieferte die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) eine neue Dampfmaschine — ein Zeichen dafür, dass der Betrieb auch nach Inflation und Weltkrieg weiter modernisiert wurde.
Die Rüben kamen mit der Bahn

Die Zuckerrüben, die in der Michaelisdonner Fabrik verarbeitet wurden, wuchsen auf den fetten Böden der Südermarsch und der umliegenden Köoge. Und sie kamen mit der Bahn — auf jener Stichstrecke, die 1884 von St. Michaelisdonn nach Marne und später bis Friedrichskoog verlängert wurde.
Das war kein Zufall, sondern ein wirtschaftliches Kalkül. Die Gemeinde selbst schreibt es heute unmissverständlich: „Diese Strecke war zunächst als Transportweg für Zuckerrüben zur Zuckerfabrik St. Michaelisdonn gedacht." Die Eisenbahn erschloss den Rübenanbau in der Marsch überhaupt erst im nötigen Maßstab: Wo früher Fuhrwerke die Ernte mühsam über bucklige Polderwege transportieren mussten, rollten nun Güterwaggons. Die Zuckerfabrik wiederum war ein Großabnehmer, der der Bahn ganzjährig Auslastung garantierte.
Später, als die Zuckerfabrik in Wesselburen („Charles de Vos") ihren Betrieb einstellte, wurden deren Rüben sogar über die Strecke nach St. Michaelisdonn weitergefahren — die Michaelisdonner Fabrik übernahm also die Versorgung eines ganzen Landstrichs.
Zucker aus der Donn
Die Produktionszahlen zeigen, wie sich der Betrieb im Laufe der Jahre veränderte. 1899 wurden rund 29.500 Tonnen Rüben im Jahr verarbeitet, etwa 250 Tonnen pro Kampagnentag. Um 1910 lag die Tagesleistung bei 300 Tonnen. Mit Inflation und Weltkriegszeiten ging das Kapital — 1925 musste auf 150.400 Reichsmark umgestellt werden —, aber die Fabrik überstand alle Krisen und wurde stetig erweitert:
- 1938 Bau eines Kalkofens
- 1951 neues Kesselhaus
- 1952 große Trocknungsanlage
- 1961 neues Bürogebäude
Außerhalb der Kampagne — also von Dezember bis September — wurden die Maschinen gewartet und der in drei großen Silos gelagerte Zucker an die Lebensmittelindustrie verkauft. Das Jahr der „Donner" hatte einen klaren Rhythmus: Im Herbst die Hektik der Rübenkampagne, im Frühjahr und Sommer die stille Arbeit an Anlagen und Lager.

Das Ende einer Ära
Wie so viele Zuckerfabriken in Norddeutschland fiel auch die Michaelisdonner Anlage der Konzentration der Branche zum Opfer. 1995 fuhr die Zuckerfabrik ihre letzte Kampagne und wurde durch die Nordzucker AG geschlossen — mit Sitz, passenderweise, in Braunschweig, also genau dort, wo 1881 auch die Maschinen hergekommen waren.
Der Grund war ein politisch-ökonomischer: Nach der Deutschen Wiedervereinigung entstanden in Ostdeutschland neue, hochmoderne Fabriken, gegen die der alte Standort an der Westküste nicht mehr konkurrieren konnte. Die Nordzucker AG gab sowohl St. Michaelisdonn als auch die zweite schleswig-holsteinische Fabrik in Schleswig auf.
Sieben Jahre lang stand die Fabrik als Ruine in St. Michaelisdonn — Maschinen und Innenanlagen wurden nach und nach ausgebaut und ins Ausland verkauft. Am 23. Juni 2002 begann der Abriss, der sich bis in den Herbst 2003 hinzog. Damit verschwand nicht nur ein Stück Michaelisdonner Industriegeschichte, sondern das industrielle Wahrzeichen des Ortes.
Was bleibt
Heute erinnert nur noch die Straßenbezeichnung „An der Zuckerfabrik" an den einstigen Standort. Das Schleswig-Holsteinische Landwirtschaftsmuseum in Meldorf hat der Fabrik eine Sonderausstellung gewidmet — „Süßes aus der Erde. Zuckerrübenanbau und die Zuckerfabrik St. Michaelisdonn" — und veranstaltet Aktionstage, an denen alte Ernte- und Verladetechnik gezeigt wird.
Was geblieben ist, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der der Rhythmus von St. Michaelisdonn von der Dampfpfeife der Fabrik vorgegeben wurde und dessen Rüben auf jener Bahnstrecke rollten, die wir heute als Draisine befahren. Die Süßigkeit, die aus der „Donn" kam, ist verschwunden. Die Landschaft, die sie hervorbrachte, ist geblieben.
Quellen: